Logistik der Zukunft: Kreislaufwirtschaft statt Endstation Schredder

Das Thema Kreislaufwirtschaft ist aktuell so präsent wie nie: Secondhand scheint der Trend der Stunde, egal ob Kleidung, Bücher oder Elektronik. Und dennoch sind die Herausforderungen hier noch lange nicht gelöst. Doch welche Ansätze, jenseits der Wiederaufbereitung und dem Handel mit gebrauchten Waren, können hier Abhilfe schaffen und welchen Beitrag kann die Logistik dazu leisten? Der Digitalexperte Matthias Friese stellt erfolgsversprechende Ideen vor.

Der Digitalexperte Matthias Friese ist Managing Partner des Company Builders XPRESS Ventures. Das 2019 vom familiengeführten Logistik-Mittelständler FIEGE Logistik gegründete Unternehmen ist auf den Aufbau innovativer und disruptiver Start-ups spezialisiert.

Seit Menschen die Natur beobachten, ist ihnen vermutlich bewusst, dass sich alles in wiederkehrenden Kreisläufen bewegt. Lineare Prozesse sind der Natur und der Erde, die sie beherbergt, ja vermutlich sogar dem alles umfassenden Universum fremd. Als Menschen scheinen wir diese Grundwahrheit weitestgehend aus dem Auge verloren zu haben. Doch die Idee der Kreislaufwirtschaft ist ein Schritt in die richtige Richtung. Ob Re-, Down- oder Upcycling, die effiziente Wiederverwertung von Rohstoffen, Gebrauchsgütern und Nahrungsmitteln hält (wieder) Einzug in viele Bereiche des Lebens und der Wirtschaft.

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Und dennoch ist es ein weiter Weg, bevor die letzte Deponie schließt und wir von fossilen Brennstoffen entwöhnt sind. Handel und mit ihm die Logistik besetzen einen Schlüsselbereich, wenn es um Kreislaufwirtschaft geht, da ein Großteil des wirtschaftlichen Outputs darüber an die Endverbraucher gelangt. Einige Anregungen für aktuelle Lösungsansätze für mehr Kreislaufwirtschaft soll der folgende Gastbeitrag geben.

Wertzerstörungs- statt Wertschöpfungsketten

Wertschöpfungsketten im Handel und insbesondere im E-Commerce ähneln nach wie vor eher Einbahnstraßen als Kreisläufen. Riesige Berge an Verpackungsmüll, die Vernichtung von unverkaufter oder retournierter (Neu-)Ware oder die beim Transport verursachten Emissionen sind nur einige der vorherrschenden Probleme. Der Soziologe Stephan Lessenich, der sich intensiv mit den Auswirkungen unserer Externalisierungsgesellschaft beschäftigt, spricht in diesem Zusammenhang auch von „Wertzerstörungsketten“.

Im Ergebnis produzierte unsere Wirtschaftsweise hierzulande im Jahr 2019 insgesamt 416,5 Millionen Tonnen Abfall oder so viel wie 41.238 Eiffeltürme, inklusive Bau- und Abbruchabfälle, die etwa die Hälfte davon ausmachen. Laut Destatis wurden 70 Prozent dieser Abfälle recycelt. Was erst einmal gut klingt, führt bei genauerem Hinsehen zu Ernüchterung. So werden beispielsweise die 6,28 Millionen Tonnen Kunststoffabfälle mindestens zur Hälfte „energetisch“ verwertet, sprich verbrannt. Bei der Verbrennung werden toxische Schlacken, Filteraschen, Dioxine, Urane und Schwermetalle freigesetzt, ganz zu schweigen von der schwierigen Entsorgung der benötigten Filteranlagen. Mehr als ein Drittel des in Deutschland verwendeten Plastiks, und damit anteilig der größte Teil, fällt für Verpackungen an.

So viel wie nötig, so wenig wie möglich

Auch wenn eine Abkehr von Kunststoffen wünschenswert wäre, werden diese in vielen Bereichen weiterhin eine wichtige Rolle spielen. Dennoch ist die Vermeidung von Einwegplastik, das eine neue EU-Verordnung für eine Anzahl von Artikeln bereits verbietet, ein wichtiger Schritt, um den Kunststoffeintrag in die Umwelt zu reduzieren. Ähnliches gilt natürlich für Versandverpackungen aus Papier und Pappe. Bio-abbaubare Kunststoffe mit molekularen Sollbruchstellen, die durch Mikroorganismen abgebaut werden, können für bestimmte Bereiche eingesetzt werden, wie z.B. in der Landwirtschaft bei Mulchfolie, wodurch zumindest der langfristige Aufenthalt von Plastik in der Umwelt reduziert wird. Diese Kunststoffe fristen allerdings ein Nischendasein und sollten nicht die Illusion erwecken, es wäre keine Verhaltensänderung notwendig.

Vielversprechender dagegen, allerdings noch in einem sehr frühen Entwicklungsstadium, sind Verpackungen aus Biomaterialien, wie sie das Start-up Primitives Biodesign entwickelt. Diese nachhaltigen Verpackungen gepaart mit digitaler Technologie machen die Verpackung zum Datenträger und damit „smart“. Die Daten, die von intelligenten Verpackungen erhoben werden, geben wiederum Rückschlüsse auf Probleme im Handling und der Logistik empfindlicher Güter.

Mehrweg ist der einzige Weg

Doch es bleibt dabei: Echte Kreislaufwirtschaft braucht funktionierende Mehrweg-Pfandsysteme mit wiederverwendbaren Verpackungen. Dazu sind drei Elemente wichtig: Die widerstandsfähige Verpackung, ein System zum Aufbereiten und Rückführen der Verpackungen und der Anreiz, die Verpackungen abzugeben. Insbesondere die Rückführung der Verpackung kann kostenaufwendig und logistisch komplex sein. Die funktionierende und etablierte Rückführung von Kühlverpackungen ist hier ein gutes Vorbild. Auch das finnische Unternehmen RePack bietet ein Pfandsystem für Versandtaschen an, das von namhaften deutschen Versandhändlern bereits getestet wird. Bei jedem Pfandsystem kommt es allerdings auf eine möglichst breite Nutzerbasis an, sonst rentiert sich das System nur schwer oder das Pfandgut muss weite Strecken zurücklegen (siehe Bio-Milch in Glasflaschen).

Das bisher erfolgreichste Beispiel aus der Logistik für ein funktionierendes Pfandsystem sind die aktuell 450 bis 500 Millionen im Umlauf befindlichen Europoolpaletten. Leider kommen beim Packen letzterer sehr häufig lagenweise Einwegfolie zum Einsatz – hierfür bedarf es in Zukunft einer nachhaltigeren Lösung. Auch wenn aller Anfang schwer ist, immer mehr wagnisreiche Unternehmen versuchen Pfandsysteme für mehr Warenkategorien, wie etwa Kosmetikprodukte, einzuführen.

Block für Block zu mehr Kreislaufwirtschaft

Blockchain-Technologie, die durch die boomenden Kryptowährungen bekannt geworden ist, findet in immer mehr Kontexten Anwendung. Der Grundgedanke der Technologie, unabhängig von einer zentralen Autorität Transaktionen und Besitzverhältnisse sehr fälschungssicher zu dokumentieren, könnte auch die Logistik von Wertstoffströmen transparenter gestalten, wie es z.B. das Start-up Circularise anstrebt. Eine Blockchain stellt eine Kette von Datensätzen dar, bei der jeder Datensatz die Validität der vorhergehenden Datensätze bestätigt. Die Anwendung der Blockchain in diesem Fall kann man sich wie ein auf beliebig viele Rechner verteilbares Grundbuch vorstellen, in dem jede Transaktion von allen Knoten des Netzwerks dokumentiert und legitimiert wird.

Damit lassen sich Kreisläufe aufbauen, in denen zu jedem Zeitpunkt bei Rohstoffen oder Produkten nachvollziehbar ist, um welches Material es sich handelt, woher es stammt und wo es sich aktuell befindet. Dafür werden diese mit einem digitalen Siegel versehen, dass ausgelesen werden kann und die Informationen aus der Blockchain abruft und neue vermerkt. Relevante Informationen für die Rückführung der Stoffe: Je exakter die Zusammensetzung und die vorherige Verwendung dokumentiert sind, desto einfach lassen sich Materialien recyceln. Eine entsprechende technologische Basis kann wiederum positiven Einfluss auf Materialien und Produkte haben, bei denen verstärkt auf ihre Eignung für eine konsequente Kreislaufwirtschaft geachtet wird.

Dabei dürfen die aktuell viel zu hohen ökologischen Kosten der mit der Blockchain-Technologie eng verbundenen digitalen Währungen nicht außer Acht gelassen werden. Weltweit verbraucht Bitcoin, eine der etabliertesten blockchainbasierten Anwendungen, aktuell 121,6 Terawattstunden. Zum Vergleich: Der Gesamtverbrauch Deutschlands lag 2020 bei insgesamt 543,6 Terawattstunden. Zu großen Teilen wird dieser Stromverbrauch aus fossilen Energieträgern gewonnen und die Serverfarmen verbrauchen Platz und sorgen durch ihren Kühlwasserbedarf für weitere Umweltprobleme. Doch es wird an Lösungen gearbeitet. Die meisten Anwendungen nutzen die Ethereum-Blockchain. Hier wird intensiv an Ethereum 2.0 gearbeitet, das den Stromverbrauch durch einen neuen Algorithmus um 99 Prozent senken soll. Unternehmen wie Circularise, die „Blockchain-agnostisch“ arbeiten, könnten also jederzeit auch auf eine andere, fortgeschrittenere und nachhaltigere Blockchain wechseln.

Und so schließt sich der Kreis

Bei der Kreislaufwirtschaft gibt es eine klare Hierarchie, die von der unmittelbaren Wiederverwendung von Endprodukten bis zur abwertenden Nutzung der enthaltenen Rohstoffe reicht. Doch je mehr Bereiche unserer Wirtschaft als Kreislauf organisiert sind, die Logistik eingeschlossen, desto weniger greifen wir schädlich und irreversibel in Ökosysteme ein. Selbst wenn dabei die nominellen Kosten steigen, ist das nichts im Vergleich zu den externalisierten Kosten, die wir am Ende alle tragen müssen, sollte uns eine Kehrtwende nicht gelingen.

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