Twilio im KI-Zeitalter: „Unternehmen müssen Kundenkommunikation komplett neu denken“

Content-Erstellung: Nicht mehr bei null anfangen

Auf die Frage, welche Marketingaufgaben heute nicht mehr manuell von Grund auf erledigt werden sollten, ist Koehlers Antwort klar: Content Creation.

Texte, Visuals oder Entwürfe müssten heute nicht mehr auf einem leeren Blatt Papier beginnen. KI solle den ersten Entwurf, die erste Iteration oder die erste kreative Richtung liefern. Der Mensch bleibe aber unverzichtbar, um Kontext, Tonalität, Markenidentität und Qualität sicherzustellen.

Niemand sollte heute noch mit einem leeren Screen anfangen“, sagt Koehler. Gleichzeitig warnt er vor einer neuen Beliebigkeit: Wenn Inhalte zu einfach produziert werden, drohe eine Flut austauschbarer Kommunikation.

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Genau darin sieht er eines der größten Risiken für das Marketing: mehr Output, aber weniger Eigenständigkeit. Die Marke dürfe nicht in einem Strom aus generischer KI-Kommunikation untergehen.

Personalisierung bleibt schwierig

Obwohl Personalisierung seit Jahren als Königsweg im Marketing gilt, sieht Koehler die Branche noch längst nicht am Ziel. Das Problem sei vielschichtig: Datenqualität, Einwilligungen, rechtliche Rahmenbedingungen und operative Umsetzbarkeit greifen ineinander.

Gerade international werde die Lage komplexer, weil sich regulatorische Anforderungen von Land zu Land und teils sogar innerhalb einzelner Märkte weiter ausdifferenzieren. Viele Unternehmen seien deshalb vorsichtig – und nutzen vorhandene Daten oft gar nicht voll aus.

Koehlers Einschätzung: Die Branche ist bei Personalisierung noch nicht wirklich gut. Konsumenten seien durchaus bereit, Daten zu teilen – allerdings nur dann, wenn sie daraus tatsächlich einen Mehrwert erhalten. Fehlt dieser, kippt die Akzeptanz schnell in Ablehnung.

Vertrauen wird zur strategischen Währung

Ein weiterer Punkt des Interviews: Mit dem Aufstieg von KI steigt auch das Risiko von Betrug, Spam und täuschend echten Fake-Kommunikationen. Koehler sieht darin eine der größten Gefahren für die digitale Kundenkommunikation.

Wenn Konsumenten nicht mehr sicher unterscheiden können, welche Nachricht echt ist und welche nicht, gerät das Fundament digitaler Markenbeziehungen ins Wanken. Für Plattformanbieter wie Twilio werde deshalb Compliance, Vertrauen und sichere Kommunikation zur Kernaufgabe.

Seine Warnung ist eindeutig: Wenn die Branche das Vertrauen der Verbraucher verliert, werden diese dem Kontakt mit Unternehmen insgesamt skeptischer begegnen.

Retail: Der größte Fehler heißt Silodenken

Für den Handel formuliert Koehler eine klare Diagnose. Zwar sprechen Retailer seit Jahren über Omnichannel, in der Praxis würden Kundenbeziehungen aber noch immer entlang interner Abteilungsgrenzen organisiert.

Genau das sei der Kardinalfehler: Marketing, Service, Vertrieb und Support handeln häufig nebeneinander statt miteinander. Für den Kunden entsteht dadurch kein konsistentes Markenerlebnis.

Gerade im Retail liege deshalb enormes Potenzial in verbundenen Gesprächen, kanalübergreifender Kontextnutzung und KI-gestützter Orchestrierung. Wer hier früh investiere, könne Kundenerlebnisse deutlich verbessern – und Prozesse gleichzeitig effizienter machen.

Der Blick nach vorn: Mehr Orchestratoren, weniger reine Spezialisten?

Spannend wurde es beim Ausblick auf die Marketingorganisation von morgen. Koehler erwartet, dass viele heutige Workflows stärker automatisiert werden. Gleichzeitig verschwinde die Rolle des Menschen nicht – sie verändere sich.

Statt rein spezialisierten Prozessketten könnten künftig mehr Orchestratoren gefragt sein: Menschen, die End-to-End-Workflows mit KI steuern, statt nur einzelne Teilaufgaben zu bearbeiten. Spezialisten blieben wichtig, aber ihre Rolle könnte sich stärker in Richtung Kontrolle, Qualitätsbewertung und strategischer Leitplanken verschieben.

Noch sei offen, wie sich dieses Verhältnis genau entwickeln werde. Aber Koehlers Tendenz ist klar: Weniger starre Übergaben, mehr orchestrierte Workflows, mehr Output.

Der wichtigste Rat an Marketingverantwortliche

Sein stärkster Satz zum Schluss ist zugleich der prägnanteste Rat für Marketing- und Retail-Entscheider:

Wer KI nur nutzt, um bestehende Prozesse ein wenig effizienter zu machen, bleibt im Inkrementellen stecken. Wirklich großer Fortschritt entstehe erst dann, wenn Unternehmen bereit sind, ihre Prozesse vom weißen Blatt aus neu zu denken.

Oder, wie Koehler es formuliert: „Werfen Sie die Art und Weise, wie es immer gemacht wurde, über Bord – und überlegen Sie von einem leeren Blatt aus, was heute möglich ist.“

Für Marketingverantwortliche ist das wohl die eigentliche Botschaft dieses Gesprächs: KI ist nicht nur ein Werkzeug zur Optimierung. Sie ist ein Anlass zur Neuerfindung.

„Wir sehen KI weniger als reines Kostensenkungsinstrument, sondern stärker als Wachstumstreiber.“

Chris Koehl, Twilio