Laut dem IT- und Digitalberater Publicis Sapient stehen viele große Unternehmen bei der KI-Einführung vor einem strukturellen Problem. Seine globale Befragung zeigt: KI wird zwar breit genutzt, ist aber nur selten fest in Abläufe, Systeme und Entscheidungen eingebunden.

Viele Unternehmen haben künstliche Intelligenz bereits in ihren Arbeitsalltag integriert. Doch der Schritt von einzelnen Anwendungen zu einer grundlegenden Veränderung der Organisation gelingt bislang nur wenigen. Das demonstriert der Report „The Enterprise Wasn’t Built for AI“ von Publicis Sapient, für den 1.550 KI-Entscheidern aus den USA, Großbritannien, Frankreich, Deutschland, Australien und den Vereinigten Arabischen Emiraten befragt wurden. Diese arbeiten in Unternehmen mit mindestens 500 Mitarbeitern und einem Jahresumsatz von mindestens 100 Millionen US-Dollar.
Die Ergebnisse zeigen eine deutliche Lücke zwischen Nutzung und Wirkung. 41 Prozent geben an, dass KI regelmäßig Teil der Arbeit ist. Weitere 32 Prozent sehen KI bereits in den meisten Prozessen. Nur 10 Prozent beschreiben KI jedoch als festen Kern der betrieblichen Arbeitsweise. Zusammengenommen ist KI damit bei 83 Prozent der befragten Unternehmen im Arbeitsalltag angekommen. Vollständig über das gesamte Unternehmen integriert ist sie aber nur bei 18 Prozent.
Publicis Sapient spricht in diesem Zusammenhang von einer Art „AI Theater“. Gemeint ist eine Situation, in der Unternehmen zwar viele KI-Projekte vorweisen können, die erwarteten Effekte aber ausbleiben. Produktivität, Geschwindigkeit und Wachstum lassen sich dann nur schwer auf Unternehmensebene nachweisen. Die Technologie ist vorhanden, doch die Organisation arbeitet weiter mit alten Prozessen, langsamen Freigaben, getrennten Datenbeständen und gewachsenen Systemlandschaften.
Auffällig ist, dass die befragten Entscheider das Problem nicht vor allem bei der Leistungsfähigkeit der KI sehen. 47 Prozent halten KI bereits für fähig genug, aktuelle geschäftliche Anforderungen zu erfüllen. 42 Prozent sehen dagegen die eigene Organisation nicht ausreichend darauf vorbereitet, den möglichen Nutzen auch zu realisieren. Der Engpass liegt damit weniger im Modell selbst, sondern in Strukturen, Zuständigkeiten und technischen Voraussetzungen.
Besonders klar wird dieser Widerspruch beim Blick auf die kommenden zwei Jahre. Weltweit erwarten 65 Prozent der Befragten deutliche Fortschritte bei der Skalierung von KI im Unternehmen. Nur 15 Prozent halten ihre Organisation aktuell vollständig dafür gerüstet. In Deutschland fällt die Einschätzung noch zurückhaltender aus: 55 Prozent erwarten starke Fortschritte, aber nur 10 Prozent sehen ihr Unternehmen heute vollständig vorbereitet.
Publicis Sapient beschreibt mehrere operative Hürden. KI-Projekte entstehen häufig in einzelnen Abteilungen, ohne dass sie Teil einer gemeinsamen Strategie werden. Neue Anwendungen starten schneller, als Unternehmen Wissen, Regeln und Standards daraus ableiten können. Gleichzeitig fehlt Führungskräften oft der Überblick darüber, welche Werkzeuge und Anwendungsfälle im Unternehmen bereits genutzt werden. Dadurch steigt die Komplexität, statt Prozesse spürbar zu vereinfachen.
Hinzu kommen fragmentierte IT-Landschaften und getrennte Datenbestände. Wenn Systeme nicht miteinander verbunden sind, bleibt KI auf einzelne Aufgaben begrenzt. Das betrifft nicht nur technische Fragen, sondern auch Arbeitsabläufe. Sobald Prozesse über Abteilungsgrenzen hinweg laufen, entstehen neue Abstimmungen, doppelte Arbeit oder unklare Verantwortlichkeiten. KI kann solche Reibungsverluste sichtbar machen, löst sie aber nicht automatisch.
Der Report sieht deshalb drei zentrale Aufgaben: Modernisierung, Koordination und Resilienz. Modernisierung bedeutet, alte Systeme und verstreutes Wissen so aufzubereiten, dass KI-Anwendungen auf verlässliche Informationen zugreifen können. Koordination meint eine unternehmensweite Steuerung, damit KI nicht nur teamweise eingeführt wird. Resilienz umfasst Transparenz, Governance und belastbare Prozesse in einer Umgebung, in der Automatisierung Entscheidungen und Abläufe beschleunigt.
Die Studie ist nicht unabhängig von wirtschaftlichen Interessen, da Publicis Sapient selbst KI-Plattformen und Beratungsleistungen anbietet. Der Befund bleibt dennoch relevant: Der Zugang zu KI-Modellen ist für viele große Unternehmen nicht mehr der entscheidende Engpass. Wichtiger wird, ob Unternehmen ihre Daten, Systeme und Arbeitsweisen so anpassen, dass KI nicht nur punktuell genutzt wird, sondern messbar in Geschäftsprozesse eingreift.















