Gesichtserkennung unter Druck

Durch die Erfassung biometrischer Merkmale lassen sich Menschen schnell und einfach identifizieren – zumindest in der Theorie. Doch die meisten Konsumenten fühlen sich mit diesen Authentifizierungsvarianten nicht wohl, wie eine britische Untersuchung einmal mehr aufzeigt. Und die Gesichtserkennung könnte aufgrund der Proteste in den USA sogar zusätzlich an Popularität einbüßen.

Bereits jetzt haben lediglich 31 Prozent der Briten keine größeren Bedenken, wenn sie sich mit dieser Methode identifizieren müssen, wie Specops Software in einer Umfrage herausfand. Noch größer wird das Unbehagen nur, wenn das eigene Auge im Fokus steht: Einem Iris- oder Retinascan sind jeweils gerade einmal elf Prozent gewogen. Mit dem Abgleich des Fingerabdrucks fühlen sich immerhin 42 Prozent wohl, die Stimmerkennung kommt sogar auf 44 Prozent.

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Traditionellere Methoden sind den biometrischen Verfahren in dieser Hinsicht allerdings eindeutig überlegen. Kaum Ängste zeigen 53 Prozent bei der Unterschrift, 66 Prozent bei SMS-Authentifizierung, 72 Prozent bei Token und 78 Prozent beim klassischen Passwort. Für die Zahlen befragten die Sicherheitsexperten von Specops Software insgesamt 3.740 britische Staatsbürger.

Rassistische Technologie?

Derweil rücken die Probleme von Gesichtserkennung wieder einmal ins Rampenlicht, da Größen wie Amazon, Microsoft oder IBM ihre Zusammenarbeit mit der US-amerikanischen Polizei bei dieser Technologie entweder temporär oder ganz einstellen. Die Systeme der Unternehmen sind schon länger in der Kritik, da sie unter anderem den typischen weißen Mann deutlich präziser identifizieren als Menschen anderer Hautfarbe oder Frauen. Im Rahmen der aktuellen Rassismusdebatte erscheint dies natürlich noch einmal deutlich brisanter als bei der Veröffentlichung entsprechender Studiendaten.

Kleiner Rückzug

In einem Brief an den US-Kongress hatte IBM deshalb sogar bekannt gegeben, dass das Unternehmen keine universelle Gesichtserkennungs- oder Analysesoftware mehr anbieten werde. Man lehne die Verwendung von Technologien für die Massenüberwachung, die Erstellung von Rassenprofilen, die Verletzung grundlegender Menschenrechte und -freiheiten oder für Zwecke, die nicht im Einklang mit den eigenen Werten und Grundsätzen des Vertrauens und der Transparenz stünden, entschieden ab und werde diese nicht dulden, heißt es in dem Statement. IBM schließt mit der Formulierung nicht unbedingt aus, dass es für speziellere Einsatzzwecke doch Gesichtserkennung verwenden wird. Zudem hatte die Firma bereits zum 12. September 2019 die Methoden zur Gesichtserkennung aus ihrem Visual Recognition-System entfernt.

Auch bei Amazon und Microsoft dürfte eher Schadensbegrenzung im Vordergrund stehen. Beide Unternehmen versuchen derzeit laut Medienberichten aktiv, die Gesetzgebung in den USA für den Gebrauch von Gesichtserkennung in eine mildere Richtung zu lenken – wobei die falsche Art von Aufmerksamkeit eher schadet. Durch ein US-weites Gesetz ließen sich beispielsweise striktere lokale Regeln wie der Bann der Technologie für alle staatlichen Organe und Services in San Francisco verhindern.

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