Handelskongress Deutschland 2025: Simplify Retail beginnt mit Entscheidungen, nicht Technologien

Unterstützt durch den Besuch von Tanja Schallenberg, freie Redaktion

Unsere Sparte Best Retail Cases war in Berlin auf der Suche nach neuen Use-Case-Stories – und hat die wichtigsten Ansätze für Händler zusammengetragen. Der Handelskongress in Berlin zeigte, wie tief der Handel im Spannungsfeld von KI-, Plattformökonomien und gesellschaftlicher Verantwortung steht. Die Diskussionen auf der Bühne machten eines klar: Wer Komplexität managt, gewinnt. Wer sie erzeugt, verliert.

Über 1.000 Entscheider kamen in Berlin zusammen, um über die Zukunft des Handels zu diskutieren – im Zeichen einer Branche, die sich zwischen geopolitischen Risiken, Technologiesprüngen und gesellschaftlichen Herausforderungen neu sortieren muss. Während KI, Agentic Commerce und digitale Plattformmodelle die Bühne dominierten, war die zentrale Botschaft eindeutig: Der Handel muss Komplexität reduzieren, Geschwindigkeit gewinnen und die richtigen Technologien wählen.

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Zwischen Disruption und Verantwortung: Der Kongress zeigte einen Handel, der technologiegetrieben ist und gleichzeitig gesellschaftliche Verantwortung trägt. Das Leitmotiv „Einfach. Erfolgreich. Handeln.“ stand für eine Branche, die sich nicht über Werkzeuge definiert, sondern über Entscheidungen. Technologie ist dabei kein Selbstzweck, sondern Mittel zur operativen Exzellenz – vorausgesetzt, Prozesse, Organisation und Datenstrukturen sind vorbereitet. Plattformökonomien wurden nicht als Reichweitenmodell gesehen, sondern als Infrastruktur, auf der sich neue Geschäftslogiken entwickeln.

Geopolitik als ökonomischer Rahmen

Die Panels begannen ungewöhnlich klar: Die Zukunft des Handels ist ohne industriepolitische Stabilität nicht denkbar. Die industrielle Investitionsstrategie Chinas reicht längst über Konsumgüter hinaus und betrifft Maschinenbau, Elektromobilität und künstliche Intelligenz. Die daraus resultierenden Abhängigkeiten berühren Handel und Logistik ebenso wie Datenhoheit und Souveränität. Europa müsse deshalb nicht nur innovativer, sondern strukturierter handeln. Resilienz wurde als Voraussetzung nachhaltiger Wirtschaftsfähigkeit beschrieben – nicht als vorsichtige Haltung, sondern als notwendiger Schutz vor externen Schocks.

Handel als sozialer Raum

In Berlin wurde Handel als Ort beschrieben, an dem sich wirtschaftliche, kulturelle und soziale Dynamiken treffen. Handelsflächen dienen nicht nur der Versorgung, sondern der Begegnung, Orientierung und Teilhabe. Gleichzeitig bleiben zentrale Herausforderungen ungelöst: bürokratische Hürden, stockende Digitalisierung, Fachkräftemangel und globale Risiken. Besonders eindrücklich war der Hinweis, dass rund ein Viertel der Grundschulkinder in Deutschland die Schule ohne ausreichende Lese- und Schreibkompetenz verlässt. Frühförderung wurde nicht als pädagogisches Thema, sondern als wirtschaftliche Grundlage verstanden – denn ohne gesellschaftliche Kompetenz funktioniert kein digitaler Markt.

Technologie als Mittel, nicht Ziel

Die technologischen Beiträge des Kongresses waren praxisnah. Tchibo zeigte, wie künstliche Intelligenz durchgängig eingesetzt werden kann: algorithmische Produktauswahl, intelligente Shopsuche, Hyperpersonalisierung und digitale Zwillinge für Zielgruppenmodellierung. Die zentrale Erkenntnis: KI entfaltet Wirkung nur dort, wo Prozesse konsequent digitalisiert wurden.

Die Debatte um Agentic Commerce ging darüber hinaus. Systeme, die Entscheidungen eigenständig treffen – von Checkout-Mechaniken bis Tarifwahl – eröffnen Effizienz, verändern aber auch Verantwortungsmodelle. Händler müssen definieren, wo Automatisierung beginnt und wo menschliche Guidance bleibt.

Auch Live- und Social Commerce wurden neu bewertet. eBay präsentierte seinen Deutschland-Rollout als operative Unterstützung für Händler: kuratierte Führung, klare Produktdarstellung und Transparenz in regulatorischen Fragen. Nicht Entertainment, sondern Skalierbarkeit.

Unternehmen wie Telefónica und Henkel betonten, dass Plattformmodelle erst funktionieren, wenn Datenräume interoperabel sind. Der Wert einer Plattform entsteht nicht aus Software, sondern aus systemischer Verbundenheit.

Innovation mit System: Newcomer Lab

Die Projektauswahl im Newcomer Lab zeigte Zukunft in ihrer anwendbaren Form. Octoscreen übersetzt Standort- und Wettbewerbsdaten in Echtzeit in Entscheidungsmodelle. REO setzt auf zirkuläre Kosmetikverpackungen, die bestehende Pfandsysteme nutzen und damit Skalierung ohne neue Logistikketten ermöglichen. weinton überzeugte mit ultraleichten, recycelbaren Weinflaschen, die den CO₂-Fußabdruck um mehr als die Hälfte senken und dennoch pfandfähig sind. Der Case zeigte, dass Nachhaltigkeit dann skaliert, wenn sie keinen Komfortverlust erzeugt.

Regulatorik als operativer Faktor

Neben Technologie dominierten strukturelle Fragen. Vertreter des Handels machten deutlich, dass Innovation an Verwaltungsgeschwindigkeiten scheitert. Bürokratieabbau, digitale Verwaltungsprozesse und realistische Integrationsmodelle für den Arbeitsmarkt wurden nicht als Ideale formuliert, sondern als Voraussetzung dafür, dass Unternehmen investieren können. Politik wurde nicht als Rahmen betrachtet, sondern als operative Größe, die Effizienz fördert oder blockiert.

Handelspreis als Moment der Anerkennung

Ein Höhepunkt war die Verleihung des Deutscher Handelspreises. Ausgezeichnet wurden Decathlon Deutschland, Edeka Schenke und Florian Timm. Dirk Roßmann erhielt den Lifetime-Award. Die Würdigungen machten deutlich, dass Handel nicht nur die Versorgung organisiert, sondern gesellschaftliche Stabilität schafft.

Fazit

Der Handelskongress 2025 zeigte, dass Innovation Wirkung entfaltet, wenn sie auf Entscheidungen trifft. KI schafft Relevanz, Plattformmodelle reduzieren Komplexität, Nachhaltigkeit ermöglicht Zukunft, Daten sichern Geschwindigkeit. Erfolg entsteht dort, wo Technologie nicht verwaltet, sondern angewendet wird – und wo der Handel Orientierung schafft, ohne neue Komplexität zu erzeugen.

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