Das IFH Köln zeichnet in seinem neuen „Handelsszenario 2030+“ ein klares Bild des deutschen Einzelhandels. Klassische Warenumsätze verlieren an Gewicht, während Dienstleistungen und Mehrwertangebote zunehmend über Wachstum entscheiden.

Der deutsche Einzelhandel wächst nominal, kommt real jedoch kaum voran. Zwischen 2019 und 2024 legten die Umsätze im Durchschnitt um 4,1 Prozent pro Jahr zu, inflationsbereinigt blieb davon lediglich ein reales Plus von 0,2 Prozent jährlich. Parallel verschiebt sich die Umsatzstruktur spürbar. Im Jahr 2024 wurden nur noch 63,6 Prozent der Umsätze in den Kernbranchen wie FMCG, Mode, Wohnen, DIY, Uhren und Schmuck oder Consumer Electronics in stationären Verkaufsräumen erzielt. Für 2025 prognostiziert das IFH Köln einen weiteren Rückgang auf 62,9 Prozent.
Der verbleibende Umsatz entfällt zunehmend auf andere Bereiche. Dazu zählen der Onlinehandel über alle Formate, Großhandel und Export sowie Dienstleistungen wie Liefer- und Reparaturservices, Handelsgastronomie oder Eventformate. Auch Gebrauchtwaren gewinnen an Relevanz. Das klassische Warengeschäft wächst zwar weiterhin nominal, zwischen 2025 und 2031 je nach Szenario um durchschnittlich 1,0 bis 3,0 Prozent pro Jahr, verliert jedoch weiter an relativer Bedeutung.
Zwei Wege in die Zukunft
Vor diesem Hintergrund beschreibt die Studie zwei mögliche Entwicklungspfade für den Handel. Im Preisszenario dominiert ein stark budgetorientierter Konsum mit Fokus auf Versorgung und Preis. Für diesen Pfad erwartet das IFH Köln zwischen 2025 und 2031 eine durchschnittliche jährliche Wachstumsrate von 1,9 Prozent.
Deutlich höhere Dynamik verspricht das Mehrwertszenario. Hier stehen Zusatznutzen über Produkte hinaus im Vordergrund, etwa durch Services, Convenience oder erlebnisorientierte Angebote. In diesem Szenario werden jährliche Wachstumsraten von bis zu 3,4 Prozent prognostiziert. Nach Einschätzung von Dr. Susanne Eichholz-Klein aus der Geschäftsleitung des IFH Köln spiegelt dieses Szenario die veränderten Prioritäten vieler Haushalte wider, die stärker in handelsferne Bereiche wie Gesundheit, Freizeit und Dienstleistungen investieren.
Boris Hedde, Geschäftsführer des IFH Köln, sieht darin den Bedarf für ein neues Verständnis von Unternehmertum im Handel. Entscheidend sei, Produkt und Kundenerwartung gemeinsam zu denken und gezielt dort anzusetzen, wo neue Mehrwerte entstehen. Weniger Effizienzdenken, mehr Relevanz für den Alltag der Kunden seien gefragt. Als zentrale Treiber nennt die Studie unter anderem Gesundheit, Nachhaltigkeit, Innovation und das Thema Longevity, jeweils mit branchenspezifischer Ausprägung.
Innenstädte büßen weiter an Zugkraft ein
Besonders angespannt bleibt die Lage im stationären Nonfood-Handel und in den Innenstädten. Seit 2019 wurden rund 50.000 Verkaufsstellen abgebaut, während die lokal verfügbare Kundenfrequenz weiter sinkt. Gleichzeitig bleibt laut Studie ein erhebliches Konsumpotenzial ungenutzt. Rund 38 Prozent der Konsumenten gelten als grundsätzlich konsumfreudig und stehen für etwa 31 Prozent des Handelsumsatzes. Ihr Kaufverhalten wird derzeit jedoch gebremst, vor allem aus finanziellen Gründen, aber auch, weil das Angebot nicht ausreichend überzeugt.
Das „Handelsszenario 2030+“ macht deutlich, dass künftiges Wachstum im deutschen Einzelhandel weniger über zusätzliche Fläche oder reinen Produktabsatz entstehen dürfte. Entscheidend wird sein, ob es gelingt, tragfähige Mehrwertmodelle zu entwickeln, die den veränderten Konsumgewohnheiten Rechnung tragen und den Handel langfristig stabilisieren.















