Streitfall Fiebermessung im Handel

Nachdem eine Edeka-Filiale in Saarbrücken ihr entsprechendes System Mitte April schnell wieder verschwinden ließ, schaffen nun die Apple Stores einen Präzedenzfall rund um die Körpertemperaturmessung von Kunden. Händler, die nachziehen möchten, können zudem bei Bütema ein entsprechendes Add-On für dessen digitale Kundenampel erwerben. Doch ist die Maßnahme eigentlich sinnvoll, kundenfreundlich und rechtmäßig?

Zumindest beim Edeka in Saarbrücken hatten die lokalen Datenschützer Zweifel und leiteten ein Verfahren gegen den Laden ein. Dessen Besitzer installierte eine Wärmebildkamera, über die der Türsteher die Körpertemperatur der jeweiligen Kunden auslesen und so bei Fieber nach einer Erklärung verlangen konnte. Der Betreiber hielt dies für DSGVO-konform, da keine Daten gespeichert würden. Der saarländische Datenschutz glaubt dagegen nicht, dass sich ein solches System im gesetzlichen Rahmen betreiben lässt, da es explizit um die Identifizierung bestimmter Kunden ginge. Inzwischen ist die Anlage längst wieder abgebaut.

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Fieberthermometer bei Apple

Apple wählt ein anderes Vorgehen, bei dem die Angestellten die Kunden mittels Infrarotthermometern auf Fieber überprüfen, bevor diese in die Filiale eingelassen werden. Auch hier waren allerdings nach Informationen der „Frankfurter Allgemeinen Zeitung“ bereits Datenschützer vor Ort, um den Prozess zu überwachen – ihr Urteil steht derzeit noch aus. Der Fall wird heute bei der Konferenz der 16 Datenschutzbeauftragten der Länder behandelt. Auch Apple will keine der so erhobenen Daten irgendwie speichern und scheint zumindest im Frankfurter Laden Kunden auch einzulassen, wenn sie der Temperaturmessung nicht zustimmen.

Automatisch agierend

So könnte die Kundenampel inklusive Temperaturmessung installiert werden (Bild: Bütema)

Äußerst fraglich erscheint in dieser Hinsicht, was die Datenschützer zur Einlasskontrolle mit Temperaturmessung von Bütema sagen, die ohne Eingreifen von Mitarbeitern agiert. Die erweiterte Kundenampel ermittelt über einen kompakten Sensor die Temperatur von bis zu fünf Personen gleichzeitig und schaltet bei Problemen automatisch auf ein „STOP“-Signal um. Sie lässt sich zudem beispielsweise mit Drehkreuzen kombinieren, die dann im Ernstfall blockieren. Der Messvorgang selbst dauert zwischen 0,7 und 2 Sekunden und soll sich durch seine hohe Genauigkeit von +/- 0,5° Celsius auszeichnen.

Sinnvolle Investition?

Doch lohnt sich der Aufwand und die zu erwartenden Auseinandersetzungen mit den Datenschützern überhaupt? Aus medizinischer Sicht dürfte es sich eher um ein Nein handeln. Denn in Deutschland haben nur 41 Prozent der nachweislich Infizierten überhaupt Fieber – und dürften damit größtenteils einfach zu Hause bleiben. Die kurz vor dem Ausbruch der Krankheit anscheinend besonders infektiösen presymptomatischen Kunden lassen sich dagegen gar nicht aussieben.

Es dürfte hier deshalb leider ebenfalls gelten, was Prof. Dr. Ralf Reintjes (Professor für Epidemiologie und Gesundheitsberichterstattung, Hochschule für Angewandte Wissenschaften Hamburg) Anfang Februar zu Temperaturchecks bei Chinareisenden am Flughafen Wien erklärte. „Die Wahrscheinlichkeit, dass die Maßnahme […] einen Effekt haben wird, geht gegen Null. Es handelt sich mehr um Aktionismus. In Wirklichkeit wird das vermutlich ineffizient sein“, sagte er gegenüber dem Science Media Centre Germany.

Ärger mit Kunden vorprogrammiert

Hinzu kommt, dass Kunden vor den Kopf gestoßen werden, wenn sie aus anderen Gründen gerade eine erhöhte Körpertemperatur bzw. Fieber haben und sich dazu erklären müssen. Sicherlich ist es weder für Verbraucher noch für Mitarbeiter angenehm, wenn sie beispielsweise über Krebserkrankungen, Allergien oder einen akuten Eisprung diskutieren sollen.

Und nach einem solchen Erlebnis sollte man sich nicht wundern, wenn zumindest die betroffenen Konsumenten künftig einen großen Bogen um das eigene Geschäft machen und lieber bei der Konkurrenz einkaufen, die weniger rigoros vorgeht. Selbst bei den komplett Gesunden dürften viele skeptisch sein, wenn sie eine zusätzliche Hürde vor ihrem Shopping-Trip überwinden müssen und/oder genau gescannt werden.

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