Sterbende High Streets, lokale Lösungen und der Brexit

Die Händler der britischen High Streets – Pendant zur deutschen Fußgängerzone – leiden wie die meisten stationären Geschäfte unter rückläufigen Kunden- und Umsatzzahlen. In York hat man ein Gegenmittel gefunden.


Mit Events zieht die Bishopthorpe Road regelmäßig tausende Besucher an. Im Bild: Die erste Tour de Yorkshire kommt durch die Einkaufsstraße.

Die High Street ist seit Jahrhunderten das bestimmende Element der britischen Handelslandschaft. Entstanden im London des späten 17. Jahrhunderts, als nach dem Großen Brand Läden nur noch in breiten Straßen betrieben werden durften, verbreiteten sie sich über das Land. Ganz besonders, als der Aufstieg der Mittelschicht im Victorianischen Zeitalter den Konsum im Land anheizte. Die Expansion hielt bis zum Zweiten Weltkrieg an, wodurch die High Street auch symbolisch für die goldenen Zeiten des Empire steht.

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Versuche zur Rettung der High Street

Nach dem Krieg wurde die High Street zunächst durch Shopping Malls an den Stadträndern, später dann vom Onlinehandel bedrängt. Daraufhin sah das britische Parlament die Notwendigkeit zu handeln. Das Unterhaus gründete 2006 eine parlamentarische Kommission, in deren Bericht „High Street Britain 2015“ vor für kleine Händler nachteiligen Trends gewarnt wurde.  Dem Report zufolge trägt die Zunahme von Handelsketten zur Bildung von „Klonstädten“ bei, also Orten, die alle gleich aussehen. Die Mitglieder der Arbeitsgruppe waren sich einig: „Der Untergang des kleinen Ladens würde bedeuten, dass die Menschen nicht nur in ihrer Rolle als Verbraucher, sondern auch als Mitglieder von Gemeinschaften benachteiligt werden –  die Erosion der kleinen Geschäfte wird als die Erosion des ‚sozialen Klebers‘ angesehen, der die Gemeinschaften miteinander verbindet und die soziale Ausgrenzung im Vereinigten Königreich festigt.“

2011 erstellte die Unternehmensberaterin Mary Portas im Auftrag der britischen Regierung einen unabhängigen Überblick über das Einkaufen in der High Street. Der Bericht belegte deren Niedergang, unter anderem mit Daten, laut denen die Einzelhandelsausgaben in High Street-Shops auf unter 50 Prozent gesunken sind. Ihr Abschlussbericht enthielt eine Reihe von Empfehlungen, die jedoch die Zahl der Schließungen von Filialen in den High Streets des Landes nicht einzudämmen vermochten. Einer Studie des Centre for Retail Research zufolge mussten zwischen 2008 und 2018 über 11.000 Einzelhandelsgeschäfte in Großbritannien zumachen.

Hoffnungsschimmer in York

Auf der Bishopthorpe Road hingegen konnten sich die Händler dem nationalen Trend widersetzen. Sie wurde 2015 zu Englands bester High Street gewählt. Verbraucher finden in der Einkaufsstraße Cafés, Restaurants und Pubs sowie einen Bäcker, Metzger, Gemüsehändler, Optiker, eine Apotheke, kleine Supermärkte und mehr. Experten loben dies als gesunde Mischung, die das Bedürfnis der Kunden nach spontanen Einkäufen befriedigt. Zudem sind die meist unabhängigen Ladenbesitzer tief in ihrer Gemeinde verwurzelt, was die Loyalität ihrer Einkäufer hoch hält. Zudem punkten sie mit Freundlichkeit und kompetenter Beratung.

Das ist aber nicht der einzige Grund für den Erfolg. Anstatt nur für sich selbst zu kämpfen, haben sich die Unternehmer der Bishopthorpe Road unter einem gemeinsamen Dach versammelt – und diesem eine eigene Webseite gegeben. Den Start ihrer Initiative feierten sie mit einem Straßenfest. „Es war ein Heureka-Moment“, erklärte Johnny Hayes, Gemeinderat und Miteigentümer eines Küchengeschäfts in der Straße, gegenüber dem „Guardian„. „Um 18 Uhr haben wir die Straße für den Verkehr gesperrt. Es war kaum eine Seele da. Wir bauten eine Fahnenstange und ein paar Stände auf. Um 6.20 Uhr waren dann 3.000 Menschen da draußen. Der Metzger verteilte Burger, es gab Bands, die Leute tanzten.“ Damit begann der Aufschwung in der Straße, die noch 2018 viele Experten in Großbritannien als Vorbild für den Rest des Landes lobten.

Die Folgen des Brexit

Mit dem baldigen Austritt Großbritanniens aus der EU kamen mehrere Probleme auf die Händler in der Bishopthorpe Road zu. Zum einen die Unsicherheit, die mit dem chaotischen Austrittsprozess einhergeht. Da bisher niemand weiß, wie genau sich der Brexit gestalten wird, kann auch niemand richtig für die Zukunft planen. Das wirkt sich nicht nur auf den Einkauf der Waren aus, sondern auch auf das Personal. Da viele Angestellte nicht wissen, wie es um die Zukunft ihres Arbeitgebers steht, suchen sie sich einen Job außerhalb des Handels, den sie für sicherer halten.

Arnold Warneken, ein lokaler Bio-Bauer, beschreibt dem „Guardian“ ein weiteres Problem, das direkt nach dem Referendum einsetzte: „Wir ergänzen unser Angebot mit Produkten aus Frankreich und Italien. Unmittelbar nach dem Referendum verlor ich 4.000 Pfund durch dessen Abwertung. Seitdem habe ich mitbekommen, wie unsere Lieferketten dünner werden und unser Marktzugang abnimmt.“ Für die kommenden Jahre erwartet er, wie die meisten seiner Kollegen, weitere starke Preisanstiege beim Warenimport.

Es gibt aber auch solche, die vom Brexit und dessen Folgen profitieren. Besonders solche Unternehmen, die sich auf lokal produzierte Produkte spezialisiert haben, glauben einen positiven Effekt zu spüren. Für viele ist aber auch schlichtweg Pragmatismus das Gebot der Stunde – schließlich können sie nichts an der Situation ändern. Der Brexit hat damit auf die erfolgreiche Bishopthorpe Road keine anderen Effekte als auf den Rest des Landes. Ob die Händler in der Yorker Einkaufsstraße weiterhin dem Rest des Landes als Vorbild dienen, hängt somit weiterhin von ihnen selbst ab.

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