24.10.2016 - 13:22

Ist Augmented Reality die Zukunft der Logistik?

Die Logistik steht vor großen Herausforderungen, denn in allen Bereichen wird von Händlern und Kunden immer mehr Geschwindigkeit gefordert. Wie CINRAM beweist kann Augmented Reality hier helfen – aber auch in anderen Bereichen.
„Die bisherigen Lösungen in der Logistik haben zwar manches verbessert, aber ein Problem blieb: der Mitarbeiter hat immer etwas in der Hand. Wir waren uns sicher, dass sich dieses Problem lösen lässt, und mit Google Glass haben wir dies auch geschafft.“ - Michael Schweinsberg, Director Logistics Marketing & Sales Non Media, CINRAM

Im Supply Chain Management kam bis vor kurzem eines von vier Kommissionierungsverfahren zum Einsatz. Das traditionelle Pick-by-Paper ist dabei für die moderne Welt mangels digitaler Informationen nicht mehr geeignet. Pickby-Light leitet Mitarbeiter anhand von Lichtsignalen zum richtigen Produkt, was die Fehlerquote deutlich reduziert; allerdings sind sowohl Anschaffung als auch Wartung vergleichsweise teuer. Bei Pickby-Voice kommunizieren Mitarbeiter über Sprachbefehle mit dem System, das ihnen mündlich Anweisungen erteilt – das Versagen in lauten Umgebungen und eine hohe Einarbeitungszeit sind hier aber eher hinderlich. Die Pick-by-Scan-Lösung setzt auf mobile Geräte, die die jeweilige Kommissionierliste auf dem Display anzeigen, Entnahmen in Echtzeit mit dem System synchronisieren und zur Sicherheit meist auch Barcodes und RFID auslesen können.

Der große Nachteil: Die Mitarbeiter müssen das Gerät erst einmal zur Seite legen, wenn sie Produkte entnehmen oder einlagern möchten. Diese Methoden werden nunmehr von einer fünften ergänzt, die viele ihrer Vorteile vereint und gleichzeitig Nachteile eliminiert. Pick-by-Vision verwendet Datenbrillen, wodurch die Mitarbeiter ihre Hände immer für alle Tätigkeiten frei und die Pickdaten während des gesamten Arbeitsschritts ständig vor Augen haben. Durch die umfangreichen Möglichkeiten der Datenbrille lassen sich zahlreiche zusätzliche Funktionen einbauen. Mittels Positionserfassung sind Blickrichtung und Standort der Kommissionierer immer bekannt, weshalb ihnen eingeblendete Pfeile, Markierungen und Karten zusätzlich bei der Navigation durch das Lager helfen können. Die integrierte Kamera fungiert optional unter anderem als Barcodescanner. Mit dem System interagieren die Mitarbeiter entweder mündlich über das eingebaute Mikrofon oder das Berühren von Touchpad bzw. Knöpfen.

Google Glass im Lager

Als eines der ersten deutschen Unternehmen setzte Cinram auf die neue Technologie. Der vor allem für seine Blu-ray-, DVD und CD-Produktion bekannte Hersteller entwickelte damit ein ganz eigenes System, das im November als besondere Innovation mit dem European Supply Chain Award ausgezeichnet wurde. Cinram verknüpft einen Lagerverwaltungsrechner zum Bestandsabgleich, die Google Glass-Brille und ein mobiles Pick Cart (eine Art fahrendes Regal), in das Artikel anhand von Lichtsignalen und Displays eingeordnet werden. Mitarbeiter laufen damit kürzere Strecken und müssen sich bei gleichzeitig fallender Fehlerquote weniger stark konzentrieren. Das mittlerweile gesammelte Know-How nutzt Cinram nicht nur für Produkte aus eigener Fertigung, sondern auch für die Kommissionierung anderer Hersteller. Zudem lässt sich das gesamte System je nach individuellen Ansprüchen in Form einer Middleware-Lösung erwerben, die schon zahlreiche Logistiker, Handelsunternehmen und Automobilkonzerne überzeugen konnte.

Der große Vorteil: Anders als viele Konkurrenten verlässt sich Cinram nicht rein auf die Datenbrille, die zwei große Schwächen hat. Zum einen ist die öffentliche Wahrnehmung bedingt durch die Medienberichterstattung wenig positiv, weshalb nicht jeder Mitarbeiter sie aufsetzen möchte. Zum anderen sind Scans mithilfe der Brillen-Kamera recht langsam – 20 bis 25 Sekunden werden pro Vorgang benötigt. Das erste Problem löst Cinram, indem optional anstelle der Datenbrille ein um das Handgelenk gebundenes Smartphone bzw. eine Smartwatch die Informationen anzeigt. Die zweite Hürde überwindet ein via Bluetooth kommunizierender Handschuh-Scanner, der das Erfassen von Barcodes auf zwei Sekunden pro Vorgang beschleunigt.

Als Datenbrille verwendet Cinram ausschließlich Google Glass, da sie die Mitarbeiter in der Kommissionierung im Vergleich mit vier Konkurrenzmodellen am meisten überzeugen konnte. Vorteilhaft dürften der hohe Tragekomfort, das geringe Gewicht und die nur schwache Wärmeentwicklung sein. Hier sind in den nächsten Jahren die stärksten Weiterentwicklungen zu erwarten: Google arbeitet derzeit bereits an der Enterprise Edition seiner Brille, die laut diversen Medienberichten mit längerer Akkulaufzeit, Designänderungen und einem leistungsfähigeren Prozessor ausgestattet ist; andere Hersteller kontern mit ebenfalls verbesserten Modellen. Vielleicht sind Datenbrillen dennoch bald wieder obsolet, da die Informationen via schwachem Laserstrahl direkt ins Auge projiziert oder auf speziellen Kontaktlinsen dargestellt werden.

AR jenseits der Lagerverwaltung

Der Nutzen von Augmented Reality wird in der Logistik künftig nicht auf die Lagerverwaltung beschränkt bleiben. So könnten die Spediteure via Datenbrille & Co. beispielsweise in Kombination mit weiteren Geräten schnell überprüfen, ob die Fracht komplett ist, sich beim optimalen Beladen des Transportfahrzeugs helfen lassen oder ihre Papiere nach Fehlern untersuchen. Selbst die Auslieferung zum Endkunden ließe sich mit Augmented Reality noch optimieren: Wie Post-Chef Frank Appel der „Welt am Sonntag“ sagte, würde er sich den Einsatz beispielsweise bei Briefträgern vorstellen, die das jeweilige Zustellungsgebiet noch nicht kennen.

Am POS ist Augmented Reality zumindest die nächste Zeit voraussichtlich dem Smartphone vorbehalten. Auf dessen Display erscheinen dann zusätzlich zum Kamerabild beispielsweise Navigationsanweisungen oder Zusatzinfos zu den angeschauten Produkten – die genaue Standorterfassung erfolgt im Idealfall über Beacons. Alternativ lassen sich Waren auch so präsentieren, als ob sie von der betreffenden Person angezogen oder in einer bestimmten Umgebung aufgestellt würden.

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Ressort: Geräte, Business Solutions
Frank Keilacker

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