21.09.2015 - 09:14

„In Sachen IoT wird zu oft aus dem Bauch heraus entschieden“

Das Internet of Things soll die Wirtschaft revolutionieren, doch viele Unternehmen sind damit noch komplett überfordert. Bernd Behler, IoT-­Experte und CTO der Digitalagentur tresmo, erklärt im Interview, wo die Probleme lauern und was man beachten sollte.
Die tresmo GmbH versteht sich als 360°-Digitalagentur die ihre Kunden ganzheitlich unterstützt – von der Digitalstrategie-Entwicklung über Technologieberatung und Programmierung bis hin zu Online Marketing und Big Data-Lösungen. Bernd Behler ist Head of Software Development bei tresmo.

Herr Behler, die tresmo GmbH hilft großen und mittelständischen Unternehmen dabei, sich das Internet of Things (IoT) zunutze zu machen. Was sind Ihre bisherigen Erfahrungen aus dieser Arbeit?

Bernd Behler: Das IoT ist hochspannend und die meisten Manager, mit denen wir sprechen, sind sich auch seiner gewaltigen disruptiven Kraft bewusst. Extrem herausfordernd finden sie es jedoch, einen Ansatz für die Nutzung von IoT für ihr Unternehmen zu finden. Bauchschmerzen bereiten in der Regel vor allem drei Bereiche: Strategie, Daten und Technologie.

Welche Herausforderungen gibt es in diesen drei Bereichen konkret? Zum Beispiel in der Strategie?

Bernd Behler: Statt einer durchdachten und langfristig angelegten Strategie wird leider viel zu oft ad hoc aus dem Bauch heraus entschieden – zum Beispiel weil man durch die Messeneuheit eines Wettbewerbers aufgeschreckt wurde und nun schnell reagieren will. Deutlich erfolgversprechender ist es, zunächst systematisch die Chancen und Risiken des IoT für die eigene Branche zu analysieren und objektiv die Situation des eigenen Unternehmens zu bewerten. Darauf aufbauend werden sinnvolle Handlungsoptionen sowie eine realistische IoT-­Roadmap definiert und vor allem auch die notwendige Organisation geschaffen.

Was ist denn notwendig, um dies auch erfolgreich umzusetzen?

Bernd Behler: Sie brauchen ein sehr breites Spektrum an Kompetenzen – angefangen von Digitalstrategie über Hard-­ und Softwaretechnologie bis hin zu Big Data. Sie müssen den jeweiligen Status quo verstehen, die wesentlichen Trends im Auge haben und wissen, wie man datengetrieben, kundenzentriert und agil digitale Lösungen entwickelt. Viele dieser Kompetenzen sind jedoch bei etablierten Unternehmen noch nicht in ausreichendem Maße vorhanden. Darüber hinaus erschwert diese Interdisziplinarität von IoT die Einordnung des Themas in klassische „Organisations-­Silos“. Das begünstigt oft Entscheidungen, die eher nach unternehmenspolitischen als rationalen Kriterien getroffen werden – mit den üblichen negativen Folgen. Aber nur wenn alle Unternehmensfunktionen intelligent zusammenwirken, können Sie die Werthebel von IoT tatsächlich voll ausschöpfen.

Welche Werthebel sind das?

Bernd Behler: Laut Cisco hat das IoT für die Wirtschaft weltweit bis zum Jahr 2022 ein Wertschöpfungspotenzial von gewaltigen 14,4 Billionen US-Dollar. Jedes Unternehmen sollte sich fragen, wie es daran partizipieren kann. Dabei sollte man vor allem an vier zentralen Werthebeln ansetzen: die digitale Aufwertung von bestehenden Produkten, neue Geschäftsmodelle, eine höhere Prozess‐ und Ressourceneffizienz sowie bessere Entscheidungen. Letztere basieren auf den vielen durch IoT gewonnenen Daten und schaffen damit auch häufig die Grundlage für die drei anderen Werthebel.

Was heißt das konkret?

Bernd Behler: Wenn Sie die Daten der IoT‐Sensoren mit bestehenden Datenquellen – beispielsweise dem ERP­‐System – kombinieren, erreichen Sie ein bisher ungeahntes Verständnis von Ihren Kunden, der Verwendung Ihrer Produkte, aber auch Ihren unternehmensinternen Prozessen. Auf dieser Basis können Sie neue Geschäftsmodelle entwickeln, wie beispielsweise kostenpflichtige Predictive Maintenance­‐Services für Maschinen im B2B-­Geschäft. Oder Sie werten Ihre bestehenden physischen Produkte durch digitale Mehrwerte auf, zum Beispiel energieeffiziente Smart Home-­Anwendungen in Ergänzung zu Heizungen. Ein wichtiger Werthebel ist auch die Effizienz von Unternehmensprozessen – insbesondere in den Bereichen Produktion und Logistik.

Bleibt noch die Technologie – was können Sie in diesem Bereich empfehlen?

Bernd Behler: Zunächst einmal gibt es leider noch keine allgemein anerkannten Standards, jedoch unzählige konkurrierende Plattformen, Frameworks und Protokolle von vielen verschiedenen Playern. Warum ist das Ganze so komplex? Weil ja potenziell jeder erdenkliche Gegenstand mit dem Internet verbunden werden kann – vom Topflappen über Schuhe, Fenster und Mülltonnen bis hin zu Heizungen, Autos und Produktionsrobotern. Die sich daraus ergebenden Anwendungsfälle sind also extrem heterogen und daher müssen Sie auch bei der Wahl des optimalen Technologie‐Stacks sehr genau schauen, was zur individuellen Situation ihres Unternehmens passt. Eine falsche Architektur‐ oder Technologieentscheidung kann schnell sehr teuer werden und wertvolle Zeit kosten. Generell empfehlen wir unseren Kunden immer, auf drei Dinge zu achten: eine hohe Performance, Flexibilität und offene Schnittstellen. Vor allem die Performance bereitet vielen Probleme.

An welchem IoT-Projekt arbeiten Sie aktuell?

Bernd Behler: Wir konzipieren und implementieren gegenwärtig unter anderem für einen unserer Kunden eine Smart Home­‐Plattform. Sie vernetzt Millionen von Heizungen und macht diese energieeffizienter sowie deutlich bequemer bedienbar durch Apps und automatisiertes Lernen. Darüber hinaus wird die Wartung erheblich kostengünstiger durch Ferndiagnose und ­‐behebung von Fehlern.

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Ressort: Business Solutions, M-Development
Maximilian Feigl

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