09.03.2015 - 16:04

Moderne UX: „Wir hinterfragen stets die Sinnhaftigkeit“

Die Zeiten von Maus und Tastatur nähern sich schon seit langem ihrem Ende, doch Touch-Bedienung ist nur die Spitze des modernen Eisbergs. Was die Zukunft bringt erklärt Alissia Iljaitsch, Executive Director EMEA bei Vectorform.

Frau Iljaitsch, wenn ich diesen Artikel später schreibe, werde ich wohl eine Tastatur verwenden. Bin ich damit altmodisch, oder bleiben uns solche Eingabegeräte noch länger erhalten?

Alissia Iljaitsch: Wenn wir über die Zukunft von Eingabemethoden sprechen, sehen wir einen großen Trend: „The disappearance of the button“, das heißt, dass der Button weitestgehend verschwindet. Wir kennen diese Evolution von unserem mobilen Telefon oder der Einführung von sprach- oder gestenbasierten Eingabemethoden. Mit Ihrem Beispiel treffen Sie den Nagel genau auf den Kopf. Obwohl Spracherkennungssysteme wie Nuance, Google Now und Cortana immer besser darin werden, nicht nur das Gesagte sondern auch den Kontext und Inhalt zu verstehen, werden uns Eingabemethoden wie Tastatur - ob physisch oder über einen Touch Screen - auch in naher Zukunft wohl noch erhalten bleiben. Die Gründe dafür ergeben sich nicht nur aus dem Gelernten und Gewohnten, obwohl dieser anthropologische Faktor auch eine Rolle spielt, sondern einfach aus dem Kontext sowie dem Umfeld der Nutzung.

Wie arbeitet ein Entwickler mit diesem Hintergrundwissen?

Alissia Iljaitsch: Wenn wir bei Vectorform Anwendungen für Smartphones, Tablets, Wearables oder andere sprachaktivierte Systeme entwickeln, sprechen wir von einem neuartigen Paradigma für das Anwendungsdesign, dem Natural User Environment (NUE). Dabei handelt es sich um den Einbezug des Nutzerkontextes und des Umfelds in das Anwendungsdesign. Wir hinterfragen dabei stets die Sinnhaftigkeit einer Spracherkennung oder anderer neuartiger Eingabemethoden. Nicht immer ist die Spracherkennung die richtige und effizienteste Art der Eingabe, besonders wenn es darum geht, vertrauliche Inhalte im öffentlichen Raum zu kommunizieren.

Und wie sieht es mit Gestensteuerung aus?

Alissia Iljaitsch: Bei der Arbeit mit kamerabasierten Erkennungssystemen hat Vectorform seit der Markteinführung von Microsoft Kinect sehr viel Erfahrung, sowohl aus Programmier- als auch User Experience-Sicht. Es ist uns gelungen, zahlreiche Anwendungen mit Firmen wie Kaiser Permanente im eHealth Bereich mit einem Produkt „Marty the Monkey“ für die Therapie autistischer Kinder und einen gestenbasierten Videoplayer für Fiat auf den Markt zu bringen. Auf dem deutschen Markt haben wir für das Schweizer Home Automation Unternehmen digitalSTROM einen Use Case der gestenbasierten Steuerung von unterschiedlichen Heim-Funktionen auf der diesjährigen CES vorgestellt. Als nächsten Schritt sehen wir den Einsatz von Gestensteuerung im Fahrzeug und anderen alltäglichen Plattformen. Einhergehend mit dem Megatrend „Internet of Things“ sehen wir viele Potentiale für die Weiterentwicklung von unterschiedlichen Kombinationen von Eingabemethoden, wie Muskelbewegung (Myo) oder durch Gedankensteuerung mit Muse.

Gedankensteuerung? Wie ausgereift ist diese Technik denn schon?

Alissia Iljaitsch: In der Tat gibt es Möglichkeiten Gehirnströme mithilfe von Hardware wie beispielsweise Muse zu erfassen. Das Muse Software Development Kit ist bereits frei verfügbar und erlaubt uns schon jetzt die Kraft der Gedanken in ein Anwendungsdesign zu integrieren. Im Medizinbereich werden solche Technologien bereits zur Sprachsynthese von Schlaganfallspatienten genutzt.

Vectorform konnte bereits Erfahrungen mit der Realsense-Technologie von Intel sammeln. Wie schätzen Sie deren Potenzial ein?

Alissia Iljaitsch: Wir arbeiten seit Dezember 2014 mit der Entwicklerversion der Intel RealSense Kamera und schätzen das Potential für bestimmte Use Cases als sehr hoch ein. Neben der sehr genauen Erkennung von Finger -, Handgesten und Raumtiefe bietet das Software Development Kit (SDK) eine Gesichtserkennung für bis zu 78 Gesichtspunkte, eine Emotionserkennung und Spracherkennung durch die bereits integrierte Nuance Engine. Somit ergeben sich unterschiedlichste Anwendungsbereiche für eine breite Zielgruppe.

Zum Beispiel?

Alissia Iljaitsch: Die Gesichtserkennung bietet neue Möglichkeiten für eine rechtlich unbedenkliche Identifizierung von Nutzern und Besuchern auf Events oder am POS und große Potentiale für In-store Analytics durch ein mögliches Emotionstracking der Besucherströme. Des Weiteren bietet die RealSense Technologie eine hervorragende – fast menschliche - Sprachsynthese (Text-to-Speech). Die Technologie soll im Sommer 2015 flächendecken in Smartphones, Tablets, Notebooks und als Stand-alone Gerät vertrieben werden und bietet besonders durch die vielfältigen Skalierungsmöglichkeiten verschiedene Möglichkeiten für die Durchsetzung von Gesten- und Sprachsteuerung bei einer breiten Masse.

Mit welchen konkreten Anwendungsfällen beschäftigen Sie sich derzeit?

Alissia Iljaitsch: Zum Kundenkreis von Vectorform zählen Innovationsabteilungen von weltweit bekannten Marken, unter anderem aus Automotive, Retail, Sport und Energie. Wir planen unterschiedliche Lösungen, die wir in Q3 und Q4 gemeinsam mit unseren Kunden präsentieren werden. Consumer-orientierte Use Cases stellen wir in folgenden User Experience Sketches vor:

Vectorform_UX_Sketch_2

Intel behauptet, die Realsense-Technologie wird den Erfolg des ersten Pentium-Prozessors wiederholen können. Teilen Sie diese Euphorie?

Alissia Iljaitsch: Mit der Einführung von RealSense bietet Intel den Zugang an Gesten-, Sprachsteuerung, Tiefen-, Gesichts- und Emotionserkennung für eine breite Masse. Das SDK ist übersichtlich und verständlich aufgebaut, sodass viele Entwickler die Möglichkeit bekommen werden kreativ zu arbeiten. Dies bietet auf jeden Fall viele Chancen für die Marktdurchdringung dieser Technologie. Wir bei Vectorform freuen uns die Grenzen der Technologie mit unseren Partnern zu erproben und interessante Use Cases auf den Markt zu bringen.


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