13.04.2015 - 09:02

Metaio: „Wie lange will sich der Handel noch durchmogeln?“

Mit Augmented Reality könnten der stationäre und der Online-Handel in ihre Zukunft investieren, doch die meisten Händler zögern. Anett Gläsel-Maslov, Senior Manager PR und Social Media bei Metaio, erklärt, was sie verpassen.

Produkterkennung mit Augmented Reality ist nur eine der Möglichkeiten, wie die Technologie den Handel verändern kann.

Frau Gläsel-Maslov, die Zukunft des Einkaufens beschäftigt derzeit viele Unternehmen. Auch Metaio hat sich dem Thema mit dem Special „Augmented Reality in Retail“ gewidmet. Welchen Herausforderungen sind Sie hier denn begegnet?

Anett Gläsel-MaslovAnett Gläsel-Maslov: Seit der Einführung der Online-Shops hat sich unser Einkaufsverhalten in den letzten Jahren enorm verändert. Wir können mittlerweile von der Öko-Box des Biobauern aus dem Allgäu bis zu durchsichtigen High-Heels im Cinderella-Style im Internet alles bestellen, was das Herz begehrt. Dank Mobilisierung und Digitalisierung unseres Alltags ist es uns möglich – wenn es denn das eigene Budget zulässt – sich jeden Wunsch zu erfüllen und uns Produkte aus aller Welt nach Hause liefern zu lassen. Hier liegt der Schmerzpunkt der Einzelhändler. Diese müssen sich fragen, wie sie den Kunden wieder zurück in den Laden bekommen und wie sie Shopping vor Ort zu einem Erlebnis machen können. Online-Shops haben da eine ganz andere Priorisierung: Wie bringe ich meinem Kunden meine Produkte so realistisch wie möglich nahe?

Hier kann Augmented Reality für beide Parteien Abhilfe schaffen. Die Technologie benötigt aber ein Zusatzgerät, mit dem der User die Funktionen nutzt. Beim Online-Shopping vor dem heimischen Computer ist das noch leicht vorzustellen. Aber im Laden? Werden User ständig mit dem Smartphone vor dem Gesicht herumlaufen?

Anett Gläsel-Maslov: Wir sehen momentan drei wichtige Ansätze, die verfolgt werden. Das erste Thema ist die klassische Produkterkennung mittels Augmented Reality. Das bedeutet, dass Kunden mit einer App auf ihrem Smartphone - später vielleicht Datenbrillen - Produkte im Regal scannen können und zu diesen adhoc Informationen erhalten. Das kann von der Allergieinformation bis zum Herkunftscheck alles sein. Mit der Lego Digital Box haben wir bereits vor sechs Jahren ein festinstalliertes Kiosksystem entwickelt, das es weltweit in allen Lego Stores möglich macht, Produktboxen ganz ohne Smartphone zu scannen und sich das fertiggebaute, animierte Produkt noch vor dem Kauf anzuschauen.

Ein zweiter Ansatz ist die sogenannte „Virtual Try-On“-Technologie. Metaio hat auch hier ein Kiosk-System entwickelt, das im Einzelhandel eingesetzt wird und mit dem es möglich ist, zum Beispiel Modeaccessoires auszutesten bevor man sie kauft. In dem Fall sind es Brillen und Schmuck, aber in Zukunft werden wir Kleidungsstücke bereits zuhause virtuell ausprobieren können und danach entscheiden, ob wir im Online-Store bestellen.

Wo kann man eine solche Technologie bereits im Einsatz sehen?

Anett Gläsel-Maslov: An der L’Oreal Genius App kann man sehr gut sehen, was mit dem heutigen Stand der Augmented Reality-Technologie bereits möglich ist. Hat man innerhalb der App einmal das eigene Gesicht kalibriert, kann die Kundin die Make-up-Trends des Jahres direkt am eigenen Gesicht ausprobieren. Sie kann Lidschatten und Rouge, Mascara oder Eyliner hinzufügen oder entfernen. Das führt schon heute zu sehr realen Ergebnissen.

Sie sprachen von drei Szenarien?

Anett Gläsel-Maslov: Das dritte Szenario ist die Indoor Navigation, beispielsweise in großen Shooping Malls, größeren Shops oder in Messehallen und ähnlichem. Der Kunde erstellt in seiner App zuhause die virtuelle Einkaufsliste und lässt sich dann im Einkaufszentrum direkt zu den Produkten/Shops navigieren. Personalisierte Angebote und AR-Themenwelten können das Einkaufen zum echten Erlebnis werden lassen. Die Indoor Navigation wird den Handel in naher Zukunft revolutionieren, aber bis wir tatsächlich so weit sind, muss noch viel Forschungsarbeit geleistet werden.

Wie stellt man sich als Unternehmer auf so etwas ein?

Anett Gläsel-Maslov: Die Frage ist vor allem: Möchte ich in die Zukunft investieren oder mogele ich mich bis dahin irgendwie durch? Wie kann ich mit meinen momentanen Möglichkeiten innovative Ideen umsetzen? Welches Budget möchte ich dafür investieren? Und wann starten wir einen Testballon, den man Schritt für Schritt weiterentwickeln kann? Wir sind momentan in einer wichtigen Testphase, in der wir schauen, was Händler wirklich brauchen, was ihre Kunden wollen und wie deren Bedürfnisse aussehen. Von großen Marken ist viel Interesse da, sie wollen neue Technologien im täglichen Geschäft einsetzen. Dazu gehört nicht nur Augmented Reality, es ist immer ein Technologiemix. Aber die Vorzüge von AR liegen auf der Hand: Interagieren mit der Realität, Informationen in Echtzeit da wo man sie braucht und das Potenzial Kunden an sich binden zu können.

Welche Shopping-Lösung der Zukunft ist für Sie persönlich denn die überzeugendste? Und warum?

Anett Gläsel-Maslov: Ich glaube fest daran, dass Datenbrillen beziehungsweise Datenkontaktlinsen in 10 – 15 Jahren zu unserem Alltag gehören werden. Dann wird aus allen drei Ansätzen ein großer Mix entstehen. Wir können uns durch Shoppingmalls navigieren lassen, betreten Themenwelten, probieren Kleidungsstücke virtuell in Showrooms oder zuhause aus und erhalten wertvolle Produktinformationen während wir in einem Laden stöbern. Was in fünf Jahren sein wird, können wir uns alle vielleicht noch vorstellen. Wie aber das Shopping in 15 oder 25 Jahren aussieht oder ob wir dann überhaupt noch einkaufen gehen, weil es Dinge geben wird, die heute noch über unser Vorstellungsvermögen hinausgehen, kann ich nicht sagen. Die Zukunft bleibt spannend.


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Ressort: Interviews, Commerce
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